Andy Schwietzer: Masterkurse by Hill |
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Der Legende auf der Spur Mehr wissen, mehr können, selber Probleme bewältigen, Angebote fachkundig begutachten und noch dazu Freunden mit Rat und Tat weiterhelfen können - Wer möchte das nicht? Die Chance Wissen und Know-How über den geliebten Oldtimer zu erwerben bietet sich nicht alle Tage. Stammtischparolen und vage Internetweisheiten helfen nicht weiter, wenn es der Technik auf den Grund gehen muss und die alte Maschine wieder laufen soll wie einst im Mai… Kreidler-Piloten haben es da besser als Andere. Mit dem Hintergrund von einem halben Jahrhundert praktischer Erfahrung im Haus vermittelt Kreidler-Profi Horst Hill in seinen „Master“-Kursen Freunden von Florett, Flory und Mustang das richtige Know-How ihre Kornwestheimerin auf Vordermann zu bringen. Schon 1998 begann er den Kreidler-Fans den richtigen Umgang mit den flotten 50ern und ihrer Technik zu zeigen. Seit 2001 ergänzen Zweitageskurse das Angebot. Jeweils vier Teilnehmer haben die Chance einen miserablen Gammelmotor wieder in ein zuverlässiges Schmuckstück zu verwandeln. Fünfzehn bis zwanzig Kurse finden pro Jahr statt. Abgesehen von der sommerlichen Ferienzeit verteilen sich diese in der Hillschen Zentrale in Köppern im Taunus abgehaltenen Schrauber-Seminare über das ganze Jahr, so dass sicherlich jeder Interessierte irgendwann die Zeit findet sich hier einzuklinken. Die Überlegung derartige Kurse zu offerieren kam Horst Hill im Lauf der 90er Jahre, rund ein Dutzend Jahre nach dem Zusammenbruch und der Schließung des Unternehmens, als die Kreidler 50er, allen voran die legendäre Florett, ein Revival erlebte. Die begeisterten Kunden standen mit ihren nach Jahrzehnten oft verschlissenen und verbastelten Fahrzeugen allein auf weiter Flur und konnten nicht auf einen klugen Händler oder den Werkskundendienst zurückgreifen. „Ich möchte die Kunden auf einen besseren technischen Stand bringen. Viel handwerkliches Wissen der großen Kreidler-Jahre ist bei den jüngeren Leuten verloren gegangen, mit Diagnosecomputern kann man einer Florett nicht zu leibe rücken. Halbwissen und Selbstüberschätzung führten in Verbindung mit Florett-Reparaturen oft zu teuren Enttäuschungen.“, erklärt Horst Hill, auf die Frage, wo die Motivation des 60-jährigen liegt, Florett-Fahrer praktisch zu unterrichten. Horst Hill, Jahrgang 1944, kennt alle Tipps um Kreidler-Fahrzeuge wieder so zuverlässig zu machen, wie es der Ruf der Marke will! Nach absolvierter Lehre als Zweiradmechaniker und abgeschlossener Ausbildung zum Kraftfahrzeugelektriker besaß er mehr als das nötige Rüstzeug den elterlichen Betrieb in Köppern zu übernehmen, der 1951 als Fahrradhandel begonnen hatte. Kreidler führten die Hills schon seit 1953, Horst übernahm dann Mitte der 60er Jahre den Betrieb und baute die Firma zum Depotisten für Kreidler aus. Von dort aus wurden Hessen und weitere Bundesländer mit Kreidler-Fahrzeugen und -teilen versorgt. Darüber hinaus schulte Hill gemeinsam mit dem Werk auch die Händler seines Gebietes. Er kennt somit auch die didaktische Seite des Werkstattlebens. Ich durfte an einem Masterkurs als Chronist teilnehmen und war überrascht wie ideal hier Oldtimerspaß und Vermittlung von technischen Fertigkeiten Hand in Hand gehen kann. Jeder Kreidler-Freund hatte einen überholungsbedürftigen Motor unter dem Arm, als er den Hillschen Schulungsraum betrat. Nach kurzer Vorstellung bei einer Tasse Kaffee und Erläuterung des Arbeitsplatzes begann die Arbeit. Am ersten Tag stand zunächst das sachgerechte Zerlegen des Triebwerks, dessen Reinigung und die Bestandsanalyse auf dem Plan. Der Zusammenbau sollte dem zweiten Tag vorbehalten sein. Das hört sich einfach an. Doch man sollte die Geschichte nicht auf die leichte Schulter nehmen. Schon bei der Demontage des Kupplungsdeckels konnte Horst Hill fachliche Tipps geben. Vergammelte Schrauben und verbackene Dichtungen sind alltäglich, dazu kamen Kreidler-Spezifika. Allein dass der Motor in einen passenden, einfach selber zu bauenden Halter eingespannt wurde, statt auf der Werkbank herumzurutschen, sorgte bei den Laien für ein Aha-Erlebnis. Nachdem mittels passender Abzieher die Schwunglichtmaschine und die Kupplung demontiert waren, ging es an das Teilen des Gehäuses. Hier zeigte Hill, wie man mit Nachdruck ohne Gewalt alles zerstörungsfrei auseinander bekommt. Der Super-4 Motor eines Teilnehmers war bereits einmal mit Gewalt und Montiereisen geöffnet worden, wovon seine Dichtflächen leider Zeugnis gaben. Wärme und Geduld halfen wirklich weiter. Obwohl sich in jedem Motor Schäden und Verschleiß offenbarten, blieben die Teilnehmer nicht nur gelassen, sondern wurden durch den Spaß, den sie sichtlich hatten immer lockerer. Durch gegenseitige Hilfe und Gespräche lernte man sich rasch kennen und flachste bald miteinander wie es sonst nur alte Freunde tun. Interessant war für mich, der auch andere Marken fährt und beschraubt, wie viel handwerkliches Know-How hier vermittelt wird, das sich an allen Kraftfahrzeugen anwenden lässt. Sei es der richtige Umgang mit Werkzeug oder bestimmte Arbeitsreihenfolgen. Auch vergessene Techniken wie die Messung der Maßhaltigkeit der Pleuel wurden demonstriert und angewendet. Anders als bei kompliziert-exotischen Motorradtriebwerken fühlten sich bei der Florett leider viele berufen, an „dem vermeintlich einfachen Moped“ selbst herumzuschrauben. Pfusch von Vorgängern begegnet heutigen Kreidler-Restaurierern jedenfalls ständig. Hier bei Hill wird das richtige Know-how und das rechte Maß an Sorgfalt zwanglos vermittelt. Alle demontierten Teile wurden sorgfältig weggelegt und vermessen. Waschboy und ein Druckluftkompressor leisteten anschließend gute Dienste bis Späne, Straßendreck, Ölschmier und -schlamm „weggeblasen“ waren. Damit war der Vormittag gelaufen. Frau Lenz rief zu einem Imbiss. Kaffee, Cola und Mineralwasser hatten vorher schon bereit gestanden. Sozusagen „all inclusive“. Beim Essen wurden die Ergebnisse der Demontage besprochen und Hill gab Tipps zur Beurteilung von Baugruppen- und Teilen. Unterschiede bei Teile- und Lagerqualitäten wurden anschaulich demonstriert, so dass man als Kunde auf den Oldtimer-Messen besser die Spreu vom Weizen trennen kann. Die Zerlegung offenbarte - für uns alle interessant - auch die Unterschiede zwischen gebläse- oder fahrtwindgekühlten Motoren, Drei-, Vier- und Fünfganggetrieben mit so genannter indirekter oder direkter Fußschaltung oder eben Drehgriffschaltung. Nachdem alles zerlegt war, wurde begutachtet und gemessen. Was zu ersetzen war, gab das Lager in Köppern sofort her. Ein Argument mehr für den Kurs: „Wenn ich einen Motor zerlegt habe und muss erst telefonieren, schreiben und warten, bis ich alles beieinander habe, dann nervt das schon. Hier ist alles vorhanden und es geht problemlos weiter.“, ergänzte Jürgen Reul, der wie die anderen drei bereits das zweite Mal an einem Lehrgang teilnahm. Hill klärte die Gäste über Kolbenmaße, Toleranzen, Einbauprobleme und ähnliches auf. Gestellte Fragen wurden samt und sonders beantwortet. Die Gruppe harmonierte sehr gut miteinander und die fröhliche Stimmung war typisch für die zwei Tage. Boris Niepoth: „So zu schrauben ist ja schon der halbe Spaß am Thema Kreidler!“ Mit dem minutiösen Zusammenbau des Hauptgehäuses endete der erste Tag. Lachend wurde kommentiert, dass einer der Vier im Eifer des Gefechts vergaß die neuen Wellendichtringe einzubauen. Präzise Arbeit ist hier das A und O. Horst Hill war zugleich an allen Plätzen und assistierte den Teilnehmern. Dabei gab er mit ruhiger Stimme sein Insiderwissen weiter. Ideale Bedingungen um einen guten Motor wachsen zu sehen. Abends traf sich der Kreis dann in einem netten Restaurant zum Essen und Fachsimpeln. Geschichten, Erlebnisse und Erfahrungen machten die Runde und allen viel Freude. Am nächsten Morgen ging es um 9 Uhr weiter: Alle Werkzeuge lagen wieder fein säuberlich ausgerichtet an den vier Arbeitsplätzen und der Kaffee gluckerte in der Maschine. Uschi Lenz und Horst Hill hatten alles wieder auf das Beste vorbereitet. Im Laufe des Vormittags wurden Zündung und Lichtmaschine genauso wie Kupplung nebst Schaltung nicht nur angebaut sondern auch begutachtet und fein justiert. Zu ersetzende Teile wie Lamellen, Spulen oder Kondensatoren wurden getauscht. Locker dozierte Hill beim Umgang mit Messuhr, Messschieber und Fühlerlehre über Axial- und Radialspiel, Zündzeitpunkt, Polschuhabriss, und Schließwinkel. Wenn jemand etwas nicht auf Anhieb verstand wurde es noch mal erklärt. Das kostete zwar ein wenig mehr an Zeit, verhalf aber zu Wissen, das saß. „Zeit darf beim Hobby-Schrauben nur eine untergeordnete Rolle spielen. Sorgfalt ist viel wichtiger, damit sich Mühe auch wirklich lohnt! Immerhin geben wir auf Triebwerke, die bei uns im Kurs überholt werden eine Gewährleistung von drei Jahren!“, erklärte Hill dazu. Als der Rumpfmotor komplett war, folgte die Montage von Kolben und Zylinder. Ruhe ist hier oberstes Gebot, kleine Kniffe wie Sichern der Stehbolzen und das richtige Kontern gehörten dazu. Alle sind mit Feuereifer dabei und schwatzten miteinander wie Konfirmanden vor der Abschlussfahrt. Am frühen Nachmittag - nach einer weiteren „Störung“ in Form von „hessischen Schweinerein“ (Mittagessen!) - konnte überall „das Werk den Meister loben“, die Motoren waren fertig. “Primus inter pares“ Hill führte uns in einen Nebenraum, in dem eine betagte Florett wartete. An dieser waren Fehler bei Triebwerks und Motoreinbau zu erkennen. Die verschlosserte Florett diente uns als Anschauungsobjekt auf dass sich solche Fehler nicht wiederholen. Der Rest des Kurses verging wie im Flug mit Diskussionen um typische Kreidlerfragen: Einfahren, Mischungsverhältnisse, Luftfilterprobleme, Vergaserabstimmung und Ähnliches mehr. In bester Stimmung luden die Kursteilnehmer ihre Motoren ins Auto nicht ohne ihre Adressen zu tauschen und noch ein abschließendes Statement abzugeben. So Jürgen, Jg. 1957, der schon als Lehrling auf Kreidler kam: „Man kam weg, plötzlich war man mobil. Dann kamen große Motorräder und Autos. Irgendwann vor einigen Jahren habe ich das Thema Kreidler wieder entdeckt, nun habe ich 13 Stück, davon schon fünf restauriert! Hier bekomme ich nicht nur Teile, sondern kompetenten Rat“ oder Karsten, Jg. 69, der schon mit 14 Florys frisierte. Der junge Mann ist heute Sammler besitzt drei Florys, eine RS und restauriert derzeit eine Super-4: „Ich kam auf Hill, weil er der seriöseste Händler weit und breit ist und am meisten Know-how vermittelt. Die Kurse machen Spaß und es bleibt viel hängen!“ Dem stimmte Boris, Jg. 56 zu, der Sohn Sebastian, Jg. 88, mitbrachte! „Ich besaß eine LF als Abiturient und entdeckte Kreidler nach rund zwanzig Jahren auf großen Maschinen und Autos erneut als Hobby. In meiner Jugend war die Florett ultima ratio unter den 50ern.“ Boris und sein Sohn besitzen neben der raren 80er Mustang eine Flott, eine RMC, eine RS und eine 64er Florett. Dass Väter und Söhne gemeinsam kommen ist gar nicht so selten. Oder man macht es wie Christoph, Jg. 66, der erst vor vier Jahren auf Kreidler kam und mittlerweile zehn Fahrzeuge sein Eigen nennt. Christoph restaurierte einen Flory-Motor, der in ein Mofa für seinen Filius soll! Er meinte „erste Klasse sind hier nicht nur die idealen technischen Bedingungen, sondern auch die freundliche Atmosphäre, die einen gar nicht merken lässt, dass man arbeitet und dabei viel lernt!“ Dem kann ich wenig hinzufügen, außer dass ich es schade finde, das nicht auch Kenner und Händler anderer Marken so etwas anbieten. Auch hier ist die Weltmeistermarke Kreidler - vertreten durch Horst Hill - den anderen wieder eine Radlänge voraus. Das Know-How, das man hier erwirbt ist mehr Wert als die Kursgebühr. Es schützt zum großen Teil vor Pleiten, Pech und Pannen in Verbindung mit Flory, Florett und Co. Ein Teil der Kursgebühr kommt in Form von Rabatten - auf im Kurs gekaufte Teile - wieder an den Kunden zurück. Horst Hill schwimmt nicht auf der Zeitgeistwelle. Es geht ihm nicht um „nur billig“ - er will es vor allem ordentlich. Ihm geht es um den Dienst am Kunden „im althergebrachten Sinn“. Dieser soll für sein sauer erworbenes Geld den größten Gegenwert für lange Zeit erhalten und im Händler auch stets einen verlässlichen Ratgeber haben. Dass dabei der Humor und die Freundlichkeit nicht zu kurz kommen, umso besser! Es ist so, ich wie ich es schon vor fast zehn Jahren beschrieb: Wer eine Kreidler hat, hat bald auch Freunde, die ihm weiterhelfen. In diesem Sinne nur Mut und auf nach Köppern! Andy Schwietzer |