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| Peter Geißelhart, Dipl.-Ing. (FH), Ehingen |
Schulstunden in Sachen Kreidler |
Es war morgens 5.30 Uhr und ich war gerade zu einer Schulstunde der besonderen Art aufgebrochen, aber zunächst noch mal ganz langsam. Meine letzte Schulstunde war schon etwas länger her und ich kann nicht sagen, dass ich mich immer voll Begeisterung auf den nächsten Schultag gefreut habe, ...damals jedenfalls eher auf den letzten... - ...aber dieses Mal lag die Sache anders, in dieser Schulstunde sollte es sich um ein motorisiertes Zweirad drehen, das von seinen Entwicklern auf den Namen Kreidler Florett getauft wurde. ...aber nicht um irgendeinen Florett-Motor, ...nein, nein, ...sondern um meinen Florett-Motor. Derjenige welcher machte mir nämlich arges Kopfzerbrechen, denn die Leistung, die er normalerweise haben sollte, war so ganz und gar nicht vorhanden und nach mehreren vergeblichen Versuchen meinerseits mit diversen Ersatzteilen das Problem in den Griff zu bekommen, hatte ich bei Hill Technik & Teile in Köppern angerufen. ‚Sie bringen einfach Ihren Motor mit und wir machen ihn zusammen wieder fit‘, so sagte Herr Hill und ich war gespannt, wie das ablaufen würde. So begann der erste Kreidler-Schultag also am 04.06.2003 mit einer 3-stündigen Anreise von Ulm (Baden-Württemberg) nach Köppern (bei Frankfurt). Dank der Wegbeschreibung war die Adresse schnell gefunden und kaum ausgestiegen, mein Schrauber-Schul-Kollege war auch gerade angekommen, wurden wir von Herrn Hill und Frau Lenz, bei der ich den Kurs gebucht hatte, herzlich willkommen geheißen. Was von außen gar nicht so als Zweirad/Kreidler-Fachgeschäft aussah, war aber im Innern ganz das Gegenteil. Dort breitete sich ein 2-stöckiges Lager aus, darin integriert eine Büroinsel, der Verpackungs- und Versandplatz sowie eine Ladentheke für den Vor-Ort-Verkauf und natürlich unser Schrauberplatz mit einer langen Lochwand, an der die wichtigen Spezialwerkzeuge für den kleinen Kreidler-Motor hingen. Wie uns Herr Hill nachher erzählte, beherbergt sein Lager ca. 6000 verschiedene Artikel von der kleinen O-Ring-Dichtung bis zum nagelneuen Chromtank; überwiegend Originalteile aus der Produktion von Kreidler, aber auch Teile, die Herr Hill zum Teil bei den früheren Kreidler Zulieferern nachfertigen lässt. Nach der Begrüßung und einer kurzen Beschreibung der folgenden zwei Tage erkundigte sich Herr Hill nach den Problemen, die wir mit unseren Motoren hatten und sichtete die Altteile, die wir mitgebracht hatten. Anschließend begannen wir mit der Demontage des Motors, der Zündung, des Zylinders, des Kolbens, der beiden Motorgehäusehälften und natürlich jeder Menge Kleinigkeiten. Dabei stand Meister Hill stets mit Rat und Tat beiseite und entdeckte in meinem Fall auch gleich eine Scheibe, die ich – ich muss es zugeben – bei einem meiner Reparaturversuche falsch montiert hatte. Nun war die Reinigung sämtlicher Teile mittels einer Kleinteilwaschanlage angesagt, um diese im Anschluss einer Sicht- und Maßprüfung unterziehen zu können. Erst danach konnte entschieden werden, ob diese weiterverwendet oder gegen Neue getauscht wurden. Unser Schrauberplatz bestand im Wesentlichen aus mehreren stabilen Tischen, auf denen bis zu vier Kreidler Schüler problemlos ohne jegliche Platzprobleme ihre Motoren und Teile ablegen konnten. Außerdem lagen für uns ‚Schüler‘ alle nötigen Werkzeuge und Vorrichtungen zur Motor De- und Remontage bereit, sodass jeder einen kompletten Werkzeug- und Vorrichtungssatz hatte. Zunächst überprüften wir die Kurbelwelle auf ihr Spiel, tauschten anschließend deren Kugellager, sowie die Simmerringe und restlichen Lager aus. Natürlich stand das hierzu benötigte Sonderwerkzeug auch hier zur Verfügung. Die Zeit verflog nur so und schon war es Zeit zum Mittagessen, das wir keine 5 m von unserem Schrauberplatz entfernt von Frau Lenz serviert bekamen. Während des Essens - hörten wir von den Anfängen der Firma Hill vor 50 Jahren, von der Kreidler Firmengeschichte und auch von der Zeit danach. Diese interessanten Ausführungen ergänzten sich prima mit dem praktischen Teil der Motor-Revision. Eine zusätzliche Auflockerung brachten dabei auch die gelegentlichen Unterbrechungen (die übrigens überhaupt nicht störend waren. Ganz im Gegenteil !), durch einige Ladenbesucher bzw. Vor-Ort Käufer, die entweder Ihren Motor zur Revision brachten oder aber das eine oder andere Ersatzteil brauchten und uns natürlich interessiert bei unserem Kurs zuschauten. Den Rest des Nachmittags verbrachten wir dann mit dem Einbau des Getriebes, nachdem wir es auf Verschleiß überprüft hatten, sowie dem anschließenden Spiel-Ausgleich der Getriebe- und Kurbelwellen. Am Ende des Tages war der Rumpfmotor mit Getriebe wieder zusammen gebaut. Am nächsten Morgen ging es dann weiter mit dem Zusammenbau des Zylinders, der in meinem Fall komplett neu geschliffen, beschichtet und mit neuem Kolben eingebaut wurde. Anschließend war dann die Kupplung an der Reihe, deren Spiel eingestellt und zentriert wurde. Dabei unterbrach Meister Hill immer wieder und machte Exkursionen, um uns Dinge zu zeigen und zu erklären, wie sie nur der Spezialist bzw. Fachmann zeigen kann. (Z.B. Den Unterschied zwischen Original und billigem, nicht funktionierendem Nachbau.) Er fand auch Zeit, uns die Zusammensetzung des heutigen bleifreien Benzins bezüglich der Mischung mit Öl und der Auswirkung auf den Motor zu erklären. So konnten am zweiten Tag alle wichtigen Baugruppen wie Vergaser, Auspuff und Zündung durchgenommen bzw. überprüft und eingestellt werden, so dass wir am Ende einen voll funktionsfähigen Motor vor uns liegen hatten. In meinem Fall war es nur so, dass meine elektrische Zündung, die zuhause noch funktioniert hatte, hier komplett den Dienst versagte und ich vergessen hatte, meine zweite unterbrechergesteuerte Zündung mit zu nehmen. Aber was soll’s! Ich habe von Meister Hill auf jeden Fall die Möglichkeit bekommen diese richtig einzustellen und bin bester Dinge, dass meine Florett bald wieder schnurrt. Das Fazit dieses Lehrganges ist jedenfalls, dass ich diesen Kurs für jeden Kreidler-Fahrer – egal welchen Alters oder Fahrzeugtyps – mit bestem Gewissen weiter empfehlen kann. Technische Kompetenz und jahrelange Erfahrung ist durch nichts zu ersetzen. Wenn diese dann, wie bei Meister Hill der Fall – ohne jegliches „Oberlehrer-Gehabe“, angereichert mit Anekdoten, zur Firmengeschichte‚rübergebracht wird, so gibt es für den Kreidler-Fan, wie ich es einer bin, eigentlich nur eine Kreidler Adresse und zwar die in Friedrichsdorf-Köppern. Schöne Grüße nach Köppern !! |